«Ich brauchte viel Geduld»

«Ich brauchte viel Geduld»

Ferhad Mussa ist ein Kriegsflüchtling aus Syrien. Er ist aber auch ein hochqualifizierter junger Akademiker. Vor zwei Jahren flüchtete er in die Schweiz. Sein Ziel ist es, als Ingenieur im Bereich der Biomedizinaltechnik arbeiten zu können. Im Interview mit HEKS spricht er über Hindernisse und Chancen bei seiner Stellensuche in der Schweiz.

Ferhad Mussa, im März 2015 haben Sie nach einer siebenmonatigen Flucht in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt. Was folgte dann?
Ich brauchte vor allem viel Geduld. Ich musste eineinhalb Jahre auf meinen Asylentscheid warten. Zudem war alles neu für mich: die Leute, die Kultur, die Regeln, die Gesetze. Ich war in einer Gemeinde im Kanton St. Gallen einquartiert und sehr eingeschränkt. Obwohl ich Zusagen für Jobs gehabt hätte, konnte ich nicht arbeiten, weil ich keine Arbeitsbewilligung bekommen habe. Ich hatte auch keine Möglichkeit einen Deutschkurs zu besuchen. Ich war gezwungenermassen sehr untätig.

Sie sprechen aber fliessend Deutsch…
Ich mag Sprachen. Ich spreche zwar auch fliessend Englisch, aber das reicht natürlich nicht. Ich konnte dann während sieben Monaten einen Intensivkurs bei der Migros Klubschule besuchen und so das Sprachniveau B2 erreichen. Die Sprache ist sehr wichtig, wenn man eine Arbeit finden möchte.

Sie haben in Syrien eine akademische Ausbildung absolviert. Was haben Sie studiert?
Ich bin Ingenieur. Nach der Matura absolvierte ich an der Universität in Aleppo einen Bachelor in Ingenieurwesen und Elektronik und einen Master in Biomedical Engineering (Biomedizintechnik). Während meines Studiums habe ich an verschiedenen Studien im medizinischen Bereich mitgearbeitet. Im Februar 2014 trat ich dann eine Stelle in Syrien an und konnte ein paar Monate als Lehrer für Elektronik und EDV an der Industriellen Sekundarschule in Afrin arbeiten.

Ihre Diplome wurden hier in der Schweiz anerkannt?
Ja. Ich habe meine Zeugnisse und Diplome bei Swissuniversities eingereicht und sie haben meine Hochschulqualifikation bewertet mit einem Master in Maschineningenieurwesen (Biomedizintechnik) und einem Bachelor in Elektroingenieurwesen (Automatik und Controlling).

Was sind die grössten Hindernisse bei der Stellensuche?
Am Anfang war es sicher die Sprache. Dann sind da noch amtliche Hürden: als ich noch im Asylverfahren war, erhielt ich keine Arbeitsbewilligung, obwohl ich Jobangebote hatte. Ich wollte schnell finanziell unabhängig sein und nicht von der Sozialhilfe leben. Aber ohne Arbeitsbewilligung kann auch ein Arbeitgeber nichts tun. Heute habe ich meinen eigenen Lohn. Ich verdiene in diesem bezahlten Praktikum genug, um für mich selber zu sorgen. Das ist ein gutes Gefühl.

Sie werden bei Ihrer beruflichen Integration vom HEKS-Projekt «MosaiQ» begleitet. Wie sind Sie mit «HEKS MosaiQ» in Kontakt gekommen?
Ich habe selber bei HEKS angefragt, ob sie mir bei der Stellen- oder Praktikumssuche helfen könnten. Eine Juristin bei der HEKS-Rechtsberatungsstelle St. Gallen, wo ich während des Asylverfahrens in der Beratung war, hat mich dann auf MosaiQ aufmerksam gemacht. Für mich ist klar, dass ich auf meinem Beruf als Ingenieur arbeiten möchte. MosaiQ war genau das, was ich brauchte.

Inwieweit konnte MosaiQ Sie unterstützen?
Zunächst bei der Erstellung meiner Bewerbungsunterlagen. Dann bei der Suche nach möglichen Praktikumseinsätzen, die meinen Qualifikationen entsprechen. Ich erhielt auch wertvolle Inputs zur Vorbereitung der Bewerbungsgespräche.

Was machen Sie jetzt gerade beruflich?
Ich absolviere ein dreimonatiges, bezahltes Praktikum an der Universität in Bern am ARTORG Center for Biomedical Engineering Research. Ich arbeite hier in der Abteilung Hearing Research Laboratory. Diese Abteilung arbeitet eng mit dem Inselspital Bern zusammen. Da ich wenig Berufserfahrung habe, ist dieses Praktikum sehr wichtig für mich, um später eine feste Anstellung zu finden. Zudem geniesse ich hier den Kontakt zu anderen WissenschaftlerInnen. Das ist sehr motivierend.

Wie geht es weiter?
Ich habe ein Angebot einer Firma im Kanton St. Gallen für ein Ingenieur-Praktikum ab August mit Aussicht auf eine Festanstellung. Die Firma Aerospace AG ist im Bereich der Innen- und Aussenausstattung von Flugzeugen tätig. Ich konnte den Betrieb bereits einmal besichtigen und hätte ein Praktikum machen können, aber ich erhielt damals keine Arbeitsbewilligung. Jetzt hat mich die Firma wieder kontaktiert, und da sich meine Situation geändert hat, kann ich nun das Praktikum antreten. Ich freue mich sehr darauf und hoffe, dass ich dann dort arbeiten kann.

 

Ferhad Mussa ist 29 Jahre alt. Er lebte mit seiner Familie in Aleppo. Ferhad musste im Oktober 2014 alleine über die Türkei und Griechenland in die Schweiz fliehen. Seine Flucht dauerte sieben Monate. Im März 2015 stellte er in der Schweiz ein Asylgesuch und wurde nach eineinhalb Jahren als Flüchtling anerkannt (B-Bewilligung).

Abir Awad, Bauingenieurin aus Syrien, berichtet über ihre Erfahrungen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt.